Wissen über Stadttauben

Stadttauben sind eng mit der Geschichte des Menschen verbunden. Auf dieser Seite finden Sie wissenschaftliche Studien, Fachpublikationen und weiterführende Informationen zu ihrer Herkunft, ihrem Verhalten und einem nachhaltigen Stadttaubenmanagement.

Ergänzend dokumentieren wir das bisherige Stadttaubenmanagement der Stadt Luzern und ordnen dessen Grundlagen und öffentliche Aussagen ein.

Das Luzerner Stadttauben­management – und wie wir es einordnen

Wie geht die Stadt Luzern heute mit ihren Stadttauben um? Und weshalb reicht das bestehende Vorgehen aus unserer Sicht nicht aus?

Das Luzerner Stadttauben­management

Seit Jahren begründet die Stadt Luzern ihre Taubenpolitik vor allem mit einer Begrenzung des Futterangebots. Wir haben öffentlich zugängliche Aussagen chronologisch zusammengestellt und mit den jeweils veröffentlichten Quellen verlinkt. Wörtliche Zitate stehen in Anführungszeichen; die übrigen Passagen fassen Quellen zusammen oder enthalten unsere Einordnung. Wo eine Angabe nur auf unserer eigenen Dokumentation oder Kenntnis beruht, weisen wir darauf hin. Wir beurteilen Aussagen und Belege, nicht persönliche Motive. Stand der Prüfung: 1. August 2026.

Veröffentlichte Aussagen seit 2001

2001–2005 – Frühes städtisches Gesamtkonzept: Der Stadtrat beschloss bereits 2001 das Projekt «Stadttauben Luzern». Ziele waren die Halbierung des damals auf rund 7’000 Tiere geschätzten Bestands und eine Verbesserung des Gesundheitszustands der Tauben. Erreicht werden sollte dies durch Öffentlichkeitsarbeit sowie durch hygienische und kontrollierte Brutbedingungen in Taubenschlägen und einem geplanten Taubenhaus.

Für den Kurplatz wurde 2003 in Zusammenarbeit mit dem städtischen Wasenmeister, der Stadtgärtnerei, dem Stadtarchitekten sowie Prof. Dr. Daniel Haag-Wackernagel, dem Entwickler des Basler Stadttaubenmodells, ein modernes Taubenhaus projektiert. Nach Darstellung des Stadtrates sollte es kontrollierte Brutplätze schaffen, einen Teil des Kots im Schlag binden, umliegende Gebäude entlasten und zugleich der Öffentlichkeitsarbeit dienen.

Die 2005 im Grossen Stadtrat behandelte Interpellation 49 zeigt, dass Taubenschläge und ein umfassenderes Stadttaubenmanagement in Luzern keine neue Forderung sind. Bereits damals waren mehrere betreute Standorte, Erfolgskontrollen, Taubenzählungen und externe Fachbegleitung Bestandteil der städtischen Planung. Das damalige Konzept setzte allerdings weiterhin stark auf die Verringerung des Futterangebots und ist deshalb nicht mit dem heutigen Augsburger Modell gleichzusetzen.

Grosser Stadtrat Luzern, Protokoll vom 21. April 2005, Dringliche Interpellation 49 «Taubenhaus am Kurplatz»

2013: Die Tierwelt veröffentlichte einen mit «sda/dpa» gekennzeichneten Agenturbeitrag über eine Mitteilung der Stadt Luzern. Demnach hinterlasse eine Taube jährlich bis zu zwölf Kilogramm Kot. Dieser verursache grosse Schäden an Gebäuden und Denkmälern; zudem könnten sich Krankheitserreger unter den Tieren schneller ausbreiten. Der Artikel enthält bei den historischen Bestandszahlen eine offenkundig unstimmige Jahresangabe. Wir übernehmen diese Datierung deshalb nicht.

Tierwelt, 1. März 2013

2016 – Stadt Luzern: Die Luzerner Zeitung berichtete, der Bestand sei von rund 7’000 Tauben um die Jahrtausendwende auf etwa 1’000 Tiere im Jahr 2006 gesunken. Erreicht worden sei dies mit Informationskampagnen und Abschüssen. Bei der Datierung ist der Artikel nicht einheitlich: Zunächst heisst es, seit 2007 würden in der Stadt Luzern keine Tauben mehr geschossen; später ist von den 2006 gestoppten Abschüssen die Rede. Eine Vertreterin der Stadt Luzern erklärte wörtlich: «Seit 2006 hat in Luzern niemand mehr Tauben geschossen, und mittelfristig wird sich daran auch nichts ändern.» Gleichzeitig war der Bestand wieder auf 2’000 bis 3’000 Tiere gestiegen. Sie verneinte einen Zusammenhang mit dem Ende der Abschüsse und führte den Anstieg hauptsächlich auf mehr Futterquellen zurück. Zur Wirkung der Informationskampagnen erklärte sie, eine verlässliche Messung wäre unverhältnismässig aufwendig und dafür seien keine Ressourcen vorhanden.

Luzerner Zeitung, 21. September 2016

2016 – SBB: Derselbe Artikel hielt fest, dass die SBB Abschüsse als letztes Mittel zur Verringerung des Taubenbestands an ihren Bahnhöfen einsetzten. Am Bahnhof Luzern würden die Tiere nachts durch einen speziell ausgebildeten Taubenjäger im Rhythmus von ungefähr drei Monaten geschossen. Damit standen im selben Artikel zwei verschiedene Praktiken nebeneinander: keine Abschüsse durch die Stadt Luzern, aber Abschüsse durch die SBB am Bahnhof. Die Stadt Luzern und die SBB sind getrennte Akteure mit eigener Zuständigkeit.

Luzerner Zeitung, 21. September 2016

2017: Die Stadt Luzern warb mit der Formel «Weniger Futter, weniger Tauben, weniger Kot». Eine Vertreterin der Stadt Luzern erklärte damals zudem: «Die Tauben sind Wildtiere.» Die Reduktion des Futters wurde als einzig erfolgversprechender Weg zu weniger und gesünderen Tauben dargestellt.

zentralplus, 15. November 2017

2018: In einer städtischen Medienmitteilung wurde erneut ausgeführt, dass weniger Futter zu weniger Tauben und weniger Kot führe. Der Rückgang von rund 7’500 auf ungefähr 2’500 Tiere wurde als Erfolg des seit 2001 fortgeführten Sensibilisierungsprojekts bezeichnet.

Stadt Luzern, 5. November 2018

2019: In einer offiziellen Medienmitteilung bezeichnete die Stadt Luzern das Füttern von Tauben als «falsch verstandene Tierliebe». Sie erklärte, wissenschaftliche Studien belegten einen direkten Zusammenhang zwischen Futterangebot und Populationsgrösse, führte auf der Seite jedoch keine konkrete Publikation an. Fütterungen führten laut Stadt Luzern zudem zu einer höheren Taubendichte an einzelnen Orten und könnten dadurch die Übertragung von Krankheiten zwischen den Vögeln begünstigen. Den Rückgang des Bestands von rund 7’500 auf 2’000 bis 3’000 Tiere schrieb die Stadt Luzern der Fortführung ihres Sensibilisierungsprojekts zu.

Stadt Luzern, 13. Mai 2019

2019 – Medienbericht: Ein zentralplus-Beitrag schrieb, für Menschen entstünden «Schäden hygienischer Art, durch übertragbare Krankheiten sowie Verkotungen». Die Aussage ist dort redaktionell formuliert und nicht als wörtliches Zitat der Stadt Luzern bzw. der verantwortlichen Person gekennzeichnet. Auch die Überschrift «Zu viele fette Tauben» ist eine journalistische Zuspitzung, keine wissenschaftlich belegte Diagnose.

zentralplus, 25. November 2019

2020: Während des pandemiebedingten Rückgangs des Nahrungsangebots wurden im Stadtzentrum weniger Tauben beobachtet. Gleichzeitig wurde berichtet, die Tiere wichen für die Nahrungssuche in die Agglomeration aus.

zentralplus, 17. April 2020

2021 – Städtische Kurzinfo: Die Stadt Luzern beschrieb ihre beiden Taubenschläge als hygienische und kontrollierte Brut- und Schlafplätze. Dort werde nicht gefüttert; zugleich könne ein Teil des Kots in den Schlägen gebunden und die Vermehrung kontrolliert werden. Der Schlag im Rathaus besteht nach dieser Kurzinfo seit 2003, jener im Museggmagazin seit 2007.

Stadt Luzern, Umweltschutz, «Taubenschlag», 8. März 2021

2023: In einem Radiobeitrag mit einer Vertreterin der Stadt Luzern wurde die Luzerner Strategie als erfolgreich beschrieben. Der redaktionelle Begleittext stellte die Tauben als Wildtiere dar, die auch ohne menschliche Fütterung ausreichend Nahrung fänden. Unter dem Titel «Warum Luzern Tauben nicht mehr erschiesst» hiess es dort zur Strategie: «Keine Sterilisation, kein Abschiessen.» Diese Formulierungen sind im Begleittext nicht als wörtliche Zitate der Vertreterin der Stadt Luzern gekennzeichnet. Sie griffen jedoch die bereits 2016 veröffentlichte Aussage auf, die Stadt Luzern schiesse keine Tauben mehr.

Radio 3FACH, 4. Juli 2023

2026 – Strategie: Die Stadt Luzern erklärte gegenüber zentralplus, sie orientiere sich am «Basler Modell». Als entscheidender Faktor für die Populationsgrösse wurde das Nahrungsangebot genannt. Der Beitrag gab die von der Stadt Luzern angeführte Basler Grundlage dahingehend wieder, dass betreute Taubenschläge, in denen die Tiere gefüttert und die Eier ausgetauscht werden, weniger geeignet seien. Der Medienbeitrag fasste die Position der Stadt Luzern so zusammen, dass ihr Modell funktioniere und sie keinen Handlungsbedarf sehe.

zentralplus, 11. Februar 2026

2026 – Tötungen: Gegenüber der Luzerner Zeitung bestätigte die Stadt Luzern, dass sie gezielte Tötungen vornehme. Eine Vertreterin der Stadt Luzern sprach von ungefähr fünf Fällen pro Jahr und bezeichnete die Tötung als «letzte Option, lokale Verbesserung zu erzielen, wenn alles andere probiert wurde». Laut Artikel wird dazu eine Zange verwendet, wie sie auch in der Geflügelhaltung zum Einsatz kommt. Diese Tötungen sind keine Abschüsse. Die neue Angabe ergänzt deshalb die früheren Aussagen in einem entscheidenden Punkt: Die Stadt Luzern schiesst nach eigener Darstellung nicht, sie lässt aber in Einzelfällen Tauben mit einer anderen Methode töten. Davon getrennt sind die 2016 dokumentierten Abschüsse der SBB am Bahnhof Luzern.

Luzerner Zeitung, 21. April 2026

2026 – Tele1: In einem Fernsehbeitrag erklärte eine Vertreterin der Stadt Luzern, die Populationsgrösse richte sich nach dem verfügbaren Nahrungsangebot; werde dieses reduziert, nehme die Zahl der Tauben automatisch ab. Die Stadt Luzern betreibe zwei Taubenschläge und tausche dort Eier aus. Anders als beim Augsburger Modell würden die Tauben in diesen Schlägen jedoch nicht systematisch gefüttert, weil die Stadt Luzern davon ausgehe, dass sie im Stadtgebiet genügend Nahrung fänden.

Weitere Taubenschläge seien gegenwärtig wegen fehlender finanzieller Ressourcen und fehlenden Platzes nicht machbar. Deshalb setzt die Stadt Luzern auf das Fütterungsverbot.

Tele1, «Fütterungsverbot für Tauben in Luzern», 24. Mai 2026

Unsere Einordnung

Die Aussagen «keine Abschüsse» und «gezielte Tötungen mit einer Zange» sind wörtlich betrachtet kein direkter Widerspruch: Nicht jede Tötung ist ein Abschuss. Die frühere Kommunikation konnte jedoch den Eindruck einer Strategie ohne Tötungen erwecken. Erst der Bericht von 2026 machte öffentlich deutlich, dass das Ende städtischer Abschüsse nicht das Ende sämtlicher gezielter Tötungen bedeutete. Für eine sachgerechte öffentliche Debatte muss diese Unterscheidung klar benannt werden.

Von der Praxis der Stadt Luzern zu unterscheiden sind Massnahmen im Verantwortungsbereich der SBB. Ein Artikel der Luzerner Zeitung dokumentierte für das Jahr 2016 regelmässige Abschüsse von Tauben am Bahnhof Luzern. In einem späteren persönlichen Austausch teilte eine für die SBB tätige Fachperson einer Vertreterin von Stadttauben Schweiz mit, dass dort weiterhin Tauben geschossen würden. Für diese aktuelle Angabe liegt uns bislang keine öffentlich zugängliche Bestätigung vor; die verlinkte Medienquelle belegt die Praxis nur für das Jahr 2016.

Für Abschüsse am Bahnhof Luzern benötigt die SBB eine entsprechende jagdrechtliche Bewilligung beziehungsweise Anordnung der zuständigen kantonalen Behörde. Das Hausrecht der SBB allein reicht dafür nicht aus. Die Abschüsse müssen zudem durch eine dazu berechtigte Person erfolgen. Ob und für welchen Zeitraum gegenwärtig eine solche Bewilligung oder Anordnung besteht, ist uns nicht bekannt. Die institutionelle Unterscheidung bleibt wichtig: Aussagen über das Vorgehen der Stadtverwaltung beschreiben nicht automatisch die Massnahmen der SBB auf dem Bahnhofareal.

Rechtsgrundlagen: Kantonales Jagdgesetz Luzern, insbesondere § 25, 30 und 47 Kantonale Jagdverordnung, insbesondere § 16 und 18 sowie Anhang 1

Stadttauben stammen von domestizierten Haustauben ab

Die Stadt Luzern bezeichnet Stadttauben seit Jahren als Wildtiere. Diese Bezeichnung entspricht der Behandlung im Kanton Luzern, bildet ihre biologische Herkunft und die bundesrechtliche Terminologie jedoch nicht vollständig ab. Stadttauben stammen von domestizierten Haustauben ab. Das eidgenössische Jagdgesetz verwendet ausdrücklich die Bezeichnung «verwilderte Haustauben». Die Stiftung für das Tier im Recht ordnet sie in ihrer juristischen Analyse ebenfalls als verwilderte Haustauben ein, weist aber darauf hin, dass einzelne kantonale Erlasse abweichende Kategorien verwenden. Dass jagdrechtliche Vorschriften auf sie angewendet werden, ändert ihre Domestikationsgeschichte nicht.

Diese Einordnung ist für das Management relevant: Aus der Bezeichnung «Wildtier» lässt sich nicht ohne Weiteres ableiten, dass die Tiere unabhängig von menschlich geprägten Lebensräumen leben oder dass ihre Domestikationsgeschichte bedeutungslos wäre. Eine genetische Untersuchung von neun italienischen Stadtpopulationen zeigte zudem Verbindungen zu unterschiedlichen Haustaubenlinien.

Auch die zwei bestehenden städtischen Taubenschläge sind bereits ein Element aktiven Managements: Die Stadt Luzern stellt damit kontrollierte Brut- und Schlafplätze bereit, ermöglicht Eingriffe in die Gelege und bindet einen Teil des Kots in den Schlägen. Ihre Existenz zeigt, dass auch die Stadt Luzern nicht von einem vollständig ungesteuerten Zusammenleben ausgeht. Daraus folgt allerdings nicht automatisch, dass der heutige Betrieb dem Augsburger Modell entspricht oder dessen Wirkung überprüft. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Stadttaubenmanagement stattfindet, sondern wie umfassend, tiergerecht und überprüfbar es ausgestaltet ist.

Umweltberatung Luzern, Stadttauben Stiftung für das Tier im Recht, vollständige Analyse 2023 Jagdgesetz, Art. 5 Abs. 3 Giunchi et al., 2020

Nahrung beeinflusst den Bestand – erklärt ihn aber nicht allein

Nahrung ist ein wichtiger Einflussfaktor, aber nicht der einzige. Bestandsentwicklung und räumliche Verteilung hängen ebenso von Brutplätzen, Zu- und Abwanderung, Sterblichkeit, Gesundheitslage und den eingesetzten Managementmassnahmen ab. Ein wissenschaftliches Übersichtskapitel von Giunchi und Mitautoren beschreibt dieses Zusammenspiel sowie verschiedene Kontrollmethoden. Es ist keine einzelne experimentelle Originalstudie, eignet sich aber als Quelle für diese allgemeine, multifaktorielle Einordnung.

Dass während des Lockdowns weniger Tauben im Luzerner Stadtzentrum und gleichzeitig vermehrt Tiere in der Agglomeration beobachtet wurden, zeigt zunächst nur, dass zumindest ein Teil der Tauben seinen Aufenthalts- oder Nahrungsraum verlagerte. Daraus lässt sich weder ableiten, wie gross dieser Anteil war, noch ob alle ausserhalb der Stadt ausreichend Nahrung fanden. Der Bericht enthält keine systematische Bestandszählung, keine Erhebung des dort verfügbaren Nahrungsangebots und keine Angaben zur Sterblichkeit. Es bleibt deshalb offen, ob die Abnahme im Stadtzentrum vollständig auf eine räumliche Verlagerung oder teilweise auf Sterblichkeit und andere Faktoren zurückzuführen war.

Giunchi et al., Übersicht zu Stadttaubenmanagement zentralplus, 17. April 2020

Auch die von der Stadt Luzern herangezogene Basler Untersuchung ist differenzierter, als es die vereinfachte öffentliche Darstellung vermuten lässt. Nach dem Wegfall einer grossen Getreidequelle sanken in einer einzelnen Kolonie zwar die Brutversuche und die Zahl ausgeflogener Jungtiere. Der Schlupferfolg veränderte sich statistisch jedoch nicht signifikant; zugleich starben während der Aufzucht signifikant mehr Jungtiere. Die Untersuchung belegt damit nicht, dass Futterverknappung leidfrei wirkt. Sie untersuchte eine einzelne Kolonie nach dem Wegfall einer grossen Futterquelle. Eine parallel untersuchte Kontrollkolonie gab es nicht; ebenso erfolgte kein Vergleich mit einem nach dem Augsburger Modell betriebenen Taubenschlag.

Stock & Haag-Wackernagel, Ibis 158

Die Bestandszahlen belegen die Wirkung der Kampagnen nicht

Der stärkste veröffentlichte Rückgang – von rund 7’000 auf etwa 1’000 Tiere – fiel in eine Phase, in der neben Informationskampagnen auch systematisch geschossen wurde. Nach dem Ende dieser Abschüsse stieg die Schätzung wieder auf 2’000 bis 3’000 Tiere. 2018 bezeichnete die Stadt Luzern den Rückgang auf ungefähr 2’500 Tiere dennoch als Erfolg des Sensibilisierungsprojekts. Welche Wirkung den Kampagnen, den damaligen Abschüssen oder anderen Faktoren zukam, lässt sich aus diesen Zahlen nicht erkennen.

Auch die Kampagnenformulierung «falsch verstandene Tierliebe» von 2019 ist eine wertende Botschaft, keine wissenschaftliche Feststellung. Der pauschale Verweis auf «wissenschaftliche Studien» ersetzt zudem keine überprüfbare Quellenangabe. Für die Beurteilung der behaupteten Wirkung müssen die konkret herangezogenen Untersuchungen, ihre Methodik und ihre Grenzen benannt werden.

Hinzu kommt: Bereits 2016 erklärte eine Vertreterin der Stadt Luzern, eine verlässliche Messung der Kampagnenwirkung wäre unverhältnismässig aufwendig und die nötigen Ressourcen seien nicht vorhanden. In den von uns geprüften öffentlich zugänglichen Unterlagen fanden wir keine standardisierte Zeitreihe mit offengelegter Zählmethode, Unsicherheitsbereich und unabhängiger Vorher-Nachher-Evaluation. Die veröffentlichten Bestandszahlen sind deshalb kein eindeutiger Ursache-Wirkungs-Nachweis für den Erfolg einzelner Kampagnen.

Das übermittelte Quellenpaket beantwortet zentrale Fragen nicht

Nach dem zentralplus-Beitrag vom 11. Februar 2026 baten wir die Stadt Luzern um die wissenschaftlichen Quellen für die dort wiedergegebenen Aussagen zum Zusammenhang zwischen Nahrungsangebot und Populationsgrösse, zur angeblichen Ungeeignetheit betreuter Taubenschläge mit Eiaustausch, zur Populationswirkung der Fütterung in den Schlägen und zum Gesundheitszustand gefütterter Tauben. Wir fragten nach Titel und Erscheinungsjahr der massgeblichen Publikation, Quellenart und Peer-Review, Studiendesign, Stichprobengrösse, Kontrollgruppe sowie der transparenten Darstellung von Datenerhebung und statistischen Methoden.

Als Antwort übermittelte die Stadt Luzern vier Unterlagen. Unsere Prüfung ergab:

  • Der peer-reviewte GPS-Artikel von Rose, Nagel und Haag-Wackernagel untersucht anhand von 29 freilebenden Tauben die Eignung von GPS-Sendern zur Erfassung ihrer Bewegungen. Er prüft weder Eiaustausch noch die Wirksamkeit verschiedener Stadttaubenkonzepte.
  • Die Basler Ibis-Studie ist einschlägig und peer-reviewt, betrifft jedoch eine einzelne Kolonie ohne parallele Kontrollkolonie. Sie dokumentiert zugleich die erhöhte Sterblichkeit von Jungtieren während der Aufzucht.
  • Der Beitrag «Augsburger Modell verschlimmert Taubenproblem» von Björn Kleinlogel erschien 2015 in einer Fachzeitschrift für Schädlingsbekämpfung. In der uns übermittelten Fassung ist kein wissenschaftliches Peer-Review-Verfahren ausgewiesen. Beschrieben wird ein unkontrolliert zugänglicher Bahnhofsschlag bei fortbestehender erheblicher externer Fütterung. Damit wurde kein vollständiges, kontrolliert betriebenes Augsburger Gesamtsystem untersucht.
  • Die Basler Broschüre ist ein Praxis- und Positionsdokument. Sie weist kein kontrolliertes Studiendesign und keine unabhängige Wirkungsevaluation aus.

Die Unterlagen enthalten wichtige Einzelinformationen. Sie belegen jedoch nicht, dass ausreichend dimensionierte und professionell betreute Taubenschläge als Bestandteil eines umfassenden Gesamtkonzepts grundsätzlich ungeeignet oder unwirksam wären.

Rose, Nagel & Haag-Wackernagel, 2005 Stock & Haag-Wackernagel, 2016 Kleinlogel, «Augsburger Modell verschlimmert Taubenproblem», 2015 Tierschutz beider Basel, «Tauben in der Stadt», 2016

Was die nachträglich übermittelte Bochumer Arbeit belegt

Nach einer Besichtigung des Luzerner Taubenschlags am 19. Januar 2026 fragten wir schriftlich nach der Grundlage für die kritische Einschätzung betreuter Taubenschläge, in denen die Tiere kontrolliert gefüttert werden, und nach der aktuellen Praxis in Augsburg. Am 25. Februar 2026 übermittelte eine Vertreterin der Stadt Luzern den Bericht Wildlebende Stadttauben – Möglichkeiten zur Bestandsregulierung unter besonderer Berücksichtigung der Wirkung von Taubenhäusern von Richard Köhler aus dem Jahr 2008. Sie verwies ausserdem auf das seit 2023 geltende Augsburger Taubenfütterungsverbot.

Der für Bochum erstellte Bericht setzt sich ausführlich und kritisch mit Taubenhäusern auseinander. Er bemängelt insbesondere fehlende oder schwer überprüfbare Wirkungsnachweise vieler damaliger Projekte und empfiehlt die Taubenschlagmethode für Bochum nicht. Für Augsburg hält er fest, dass vor Projektbeginn eine fachlich begründete Bestandszählung stattgefunden habe, beanstandet aber das Fehlen einer späteren Wiederholungszählung. Die Arbeit stützt damit eine allgemeine kritische Einschätzung der damaligen Beleglage zu Taubenhäusern. Ihre Auswertung und ihre Empfehlung betreffen jedoch den Wissens- und Projektstand von 2008. Sie können weder den Stand des Augsburger Projekts im Jahr 2026 noch eine Einstellung der Fütterung ab 2023 dokumentieren.

Auch das Augsburger Fütterungsverbot belegt eine solche Einstellung nicht. Die Verordnung verbietet zwar grundsätzlich das Füttern verwilderter Tauben im Stadtgebiet, nimmt aber von der Stadt Augsburg veranlasste Massnahmen sowie das Füttern an städtisch genehmigten oder eingerichteten Futterstellen und Taubenschlägen ausdrücklich aus. Ein allgemeines Fütterungsverbot und die kontrollierte Fütterung innerhalb bewirtschafteter Taubenschläge sind daher auseinanderzuhalten. Die schriftliche Auskunft des Tierschutzvereins Augsburg vom 1. Mai 2026 bestätigt zudem, dass die kontrollierte Fütterung weiterhin Bestandteil des dort praktizierten Modells ist. Die dokumentierte Position der Stadt Luzern lässt sich deshalb differenzierter so wiedergeben: Sie stützt ihre Skepsis gegenüber betreuten Taubenschlägen, in denen die Tiere kontrolliert gefüttert werden, unter anderem auf die Bochumer Arbeit und verweist ergänzend auf das Augsburger Fütterungsverbot. Daraus folgt jedoch nicht, dass das Augsburger Modell eingestellt wurde oder in den genehmigten Schlägen nicht mehr gefüttert wird.

Richard Köhler, Biologische Station östliches Ruhrgebiet, «Wildlebende Stadttauben», Oktober 2008 Stadt Augsburg, Taubenfütterungsverbotsverordnung vom 16. Januar 2023

Entscheidend ist das Gesamtkonzept

Die blosse Aufstellung einzelner Taubenschläge garantiert noch keine messbare Wirkung auf die gesamte Stadtpopulation. Entscheidend sind unter anderem ihre Zahl, Kapazität und Standorte, die Bindung eines ausreichend grossen Populationsanteils, die kontrollierte Versorgung der Tiere, ein fachlich begleiteter Eiaustausch, der Umgang mit weiteren Brutplätzen sowie eine nachvollziehbare Erfolgskontrolle. Unkontrolliertes Füttern im öffentlichen Raum ist dabei nicht dasselbe wie eine berechnete, hygienische Fütterung der im Schlag gebundenen Tiere bei gleichzeitigem Eiaustausch. Genau deshalb fordern wir kein isoliertes Einzelinstrument, sondern ein überprüfbares Gesamtkonzept.

Stadt Augsburg, Stadttaubenkonzept

Was der Tierschutzverein Augsburg aus der Praxis berichtet

Der Tierschutzverein Augsburg und Umgebung e. V., der das dortige Stadttaubenprojekt betreut, widersprach uns gegenüber der Einschätzung, Taubenschläge hätten «keinerlei Wirkung». Nach seinen langjährigen Praxiserfahrungen konnten Bestände an mehreren Standorten durch die Kombination aus betreuten Taubenschlägen, kontrollierter Fütterung und regelmässigem Eiaustausch stabilisiert und reduziert werden. Der Verein tauscht nach eigenen Angaben jährlich etwa 7’000 bis 8’000 Eier aus. Die Schläge werden zweimal wöchentlich betreut; dabei findet auch der Eiaustausch statt.

Als entscheidende Voraussetzungen nennt der Verein geeignete Standorte, eine verlässliche Finanzierung, regelmässige fachliche Betreuung, konsequenten Eiaustausch und begleitende Öffentlichkeitsarbeit. Zugleich weist er darauf hin, dass eine standardisierte Gesamtauswertung verschiedener Städte wegen unterschiedlicher Ausgangslagen, Finanzierungen und Betreuungssysteme schwierig ist. Diese Angaben sind daher als dokumentierte Praxiserfahrungen des betreuenden Vereins einzuordnen und nicht als unabhängige kontrollierte Wirkungsevaluation. Sie widersprechen jedoch der pauschalen Behauptung, ein fachgerecht und konsequent umgesetztes Augsburger Modell entfalte grundsätzlich keine Wirkung.

Tierschutzverein Augsburg und Umgebung e. V., schriftliche Auskunft an Stadttauben Schweiz, Sektion Luzern, 1. Mai 2026; Korrespondenz bei uns archiviert, Wiedergabe mit Zustimmung des Vereins.

Auch die Kosten der heutigen Praxis gehören in die Rechnung

Die Stiftung für das Tier im Recht formulierte ihre Position 2023 wie folgt:

«Die Einrichtung entsprechender Taubenschläge ist mit Aufwand und Kosten verbunden und benötigt als Voraussetzung insbesondere den politischen Willen hierzu. Allein daran scheitert bislang in vielen Städten ein tiergerechtes und nachhaltig funktionierendes Taubenmanagement. Angesichts der immensen Kosten, die die Öffentlichkeit durch von Menschen verursachte Schäden laufend trägt und im Haushaltsbudget fest verankert sind, ist es als beschämend zu bezeichnen, dass Stadttauben als zu bekämpfende Plage gesehen bzw. sich selbst überlassen werden – dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass es sich auch hierbei um ein menschengemachtes Problem handelt.»

Wir teilen diese grundsätzliche Einordnung. Für Luzern fordern wir deshalb einen transparenten Vergleich zwischen den Investitions- und Betriebskosten eines tiergerechten Managementmodells und den laufenden Kosten der heutigen Praxis.

Stiftung für das Tier im Recht (TIR), Stellungnahme an Linus Schöpfer zum Umgang mit Stadttauben, 11. Januar 2023; wörtliche Wiedergabe mit Zustimmung der TIR.

Welches «Basler Modell» ist gemeint?

Die Berufung auf das «Basler Modell» bleibt ohne Zeitangabe unklar. Das Programm ab 1988 kombinierte Futterreduktion, Öffentlichkeitsarbeit, Taubenschläge ohne reguläre Fütterung der dort lebenden Tiere, Eientnahme sowie anfängliche Fänge und Tötungen. Nach den ausgewerteten historischen Darstellungen wurden von 1988 bis 1992 mehr als 8’000 Tauben getötet. Die Schläge banden nur einen kleinen Teil der Stadtpopulation; 2020 wurden alle geschlossen. Dieses Mischprogramm ist nicht mit dem Augsburger Modell gleichzusetzen.

Auch die öffentliche Darstellung dieses früheren Programms war teilweise verkürzt. SRF berichtete 2016, die Basler Taubenaktion habe den Bestand innerhalb von vier Jahren halbiert; zugleich bezeichneten Vertreter des Gesundheitsdepartements das Füttern als «falsch verstandene Tierliebe». Der Beitrag erwähnte jedoch nicht, dass das damalige Programm neben der Futterreduktion auch Fänge und umfangreiche Tötungen umfasste. Die Bestandsabnahme kann deshalb nicht allein der Einschränkung des Futterangebots zugeschrieben werden.

SRF, 14. April 2016

Der Bericht der Umwelt-, Verkehrs- und Energiekommission (UVEK) vom 10. Dezember 2025 liefert dazu weitere Angaben. Im Abschnitt über die Anhörung des Initiativkomitees wird dessen Einschätzung wiedergegeben, das frühere Basler Management sei 28 Jahre in Betrieb gewesen und die Schläge hätten vorwiegend wissenschaftlichen Zwecken gedient. Weil darin nicht gefüttert worden sei, hätten sich nur wenige Tauben in den Schlägen aufgehalten. Als Hinweis darauf nannte die Vertretung des Initiativkomitees 52’780 ausgetauschte Eier innerhalb von 23 Jahren. Das entspreche durchschnittlich 177 Eiern pro Jahr und Schlag; in anderen Städten würden nach ihren Angaben bis zu 1’700 Eier pro Schlag und Jahr ausgetauscht.

Diese Zahlen sind im UVEK-Bericht als Aussagen des Initiativkomitees dokumentiert, nicht als Ergebnis einer unabhängigen Evaluation der Kommission. Der Bericht hält daneben die Schätzung der Verwaltung fest, wonach in den neun bis 2020 bestehenden Schlägen ungefähr zehn Prozent der Basler Tauben untergebracht waren. Die UVEK kam zum Schluss, dass gut betreute Schläge ihre unmittelbare Umgebung entlasten können, eine Verringerung der Gesamtpopulation aber voraussichtlich eine Kombination verschiedener Massnahmen erfordert. Das stützt unsere Forderung nach einem überprüfbaren Gesamtkonzept mit ausreichend dimensionierten Taubenschlägen, kontrollierter Fütterung der dort gebundenen Tiere und fachlich begleitetem Eiaustausch. Die Basler Zahlen belegen nicht, dass ein solches Konzept grundsätzlich unwirksam wäre.

UVEK-Bericht zum Stadttaubenkonzept, 10. Dezember 2025

Basel hat seine Politik inzwischen erneut verändert. Am 14. Juni 2026 nahm die Stimmbevölkerung den Gegenvorschlag mit 67,76 Prozent Ja-Stimmen an. Vorgesehen ist ein vierjähriges Pilotprojekt mit fünf betreuten Taubenschlägen, artgerechter Fütterung, Eiaustausch und Bestandszählungen zu Beginn und am Ende des Projekts. Nach dem dritten Betriebsjahr sollen aus den Erfahrungen Massnahmen für die Zeit nach dem Pilotprojekt abgeleitet werden. Wer sich heute auf «Basel» beruft, muss deshalb erklären, welche Phase gemeint ist.

Haag-Wackernagel, 2003 Abstimmungserläuterungen Basel-Stadt, 2026 Abstimmungsergebnis vom 14. Juni 2026

Transparenz bleibt zentral

In den auf dieser Seite verlinkten öffentlichen Unterlagen fanden wir keine vollständige Dokumentation zu Zählmethode, Unsicherheitsbereich, saisonaler Vergleichbarkeit, Schlagbelegung, Zahl ausgetauschter Gelege, Jungtiersterblichkeit und Kosten der verschiedenen Massnahmen. Das beweist nicht, dass entsprechende Daten intern nicht existieren. Es bedeutet aber, dass die veröffentlichten Erfolgsangaben anhand dieser Unterlagen nicht vollständig nachvollzogen werden können.

Nach unserer archivierten Versand- und Rücklaufdokumentation nahm die Stadt Luzern an einer von uns im April 2026 an 160 Schweizer Städte und Gemeinden mit mehr als 10’000 Einwohnerinnen und Einwohnern versandten Erhebung zum Stadttaubenmanagement nicht teil. Die Umfrage zielte auf ein vergleichbares Lagebild zur rechtlichen Einordnung, Populationskontrolle, Versorgung und Erfolgsmessung. Die Nichtteilnahme beweist weder, dass die Luzerner Strategie unwirksam ist, noch lässt sie Rückschlüsse auf die Gründe der Stadt Luzern zu. Sie begrenzt jedoch die Vergleichbarkeit innerhalb dieser Erhebung.

Quelle: eigene, archivierte Versand- und Rücklaufdokumentation der Erhebung vom April 2026.

Vom Haustier zur Stadttaube

Seit Jahrtausenden hält und züchtet der Mensch Tauben. Sie dienten als Nahrungsquelle, wurden als Brieftauben eingesetzt und gezielt auf bestimmte Eigenschaften gezüchtet. Die heutigen Stadttauben sind eng mit dieser gemeinsamen Geschichte verbunden.

Die Felsentaube (Columba livia) wurde vor mehreren tausend Jahren domestiziert. Aus ihr entstanden zahlreiche Haus- und Nutztaubenrassen. Über Jahrhunderte wurden Tauben vom Menschen gehalten, gezüchtet und über grosse Distanzen transportiert.

Stadttauben gehen wesentlich auf domestizierte Tauben und deren Nachkommen zurück, die entflohen, ausgesetzt oder nicht mehr in menschlicher Obhut gehalten wurden. Auch Brieftauben und andere Zuchttauben tragen bis heute zu städtischen Populationen bei.

Verlorene Brieftauben und städtische Populationen

Der Zuzug aus menschlicher Taubenhaltung ist kein rein historisches Phänomen. Tierheime und Vogelpflegestationen nehmen regelmässig erschöpfte, verletzte oder verirrte Brieftauben auf. Nach den Recherchen des Schweizer Tierschutz STS stammen die meisten dieser Fundtiere aus Trainings- oder Wettflügen und können aus eigener Kraft nicht mehr in ihren Heimatschlag zurückkehren.

Drei STS-Berichte aus den Jahren 2016 bis 2018 dokumentieren erhebliche Ausfall- und Verlustraten im Schweizer Brieftaubensport. Beim Swiss Sand Derby erreichten zwischen 2009 und 2016 durchschnittlich nur rund 39 Prozent der eingelieferten Jungtauben den Finalflug. Bei den vom STS untersuchten Haltern wurden in einzelnen Saisons Verlustquoten von rund 26 bis 68 Prozent festgestellt.

Nicht jeder Vogel, der im weiteren Verlauf einer Wettflugsaison nicht mehr eingesetzt wird, ist damit nachweislich tot. Manche Tiere werden möglicherweise aus dem Rennbetrieb genommen, verkauft oder kehren später zurück. Die Berichte zeigen jedoch, dass der Verbleib eines grossen Teils der ausgefallenen Tiere nicht transparent dokumentiert wurde und viele Halter keine lückenlosen Bestandslisten führten.

Als mögliche Ursachen nennt der STS das Zusammenspiel von langen und wiederholten Distanzflügen, belastenden Transporten, ungünstiger Witterung, Erschöpfung, Krankheiten, Unfällen und Angriffen durch Greifvögel. Besonders hoch seien die Verluste bei jungen, noch unerfahrenen Tauben. Gleichzeitig würden jedes Jahr grosse Mengen an Jungtieren nachgezüchtet, um die Bestände für die folgenden Wettkampfsaisons zu erneuern.

Ein Teil der verirrten Brieftauben dürfte sich städtischen Taubenpopulationen anschliessen. Wie gross dieser Anteil in der Schweiz tatsächlich ist, wurde bislang nicht systematisch untersucht. Die STS-Berichte belegen deshalb keine konkrete Zahl, zeigen aber, dass Stadttaubenpopulationen bis heute durch verlorene domestizierte Tauben mitgeprägt werden können.

Stadttauben sind keine ursprünglich heimischen Wildvögel. Ihre wilden Vorfahren, die Felsentauben, kamen in der Schweiz natürlicherweise nicht vor. Dass Stadttauben heute in unseren Städten leben, ist eine Folge jahrtausendelanger Haltung, Zucht und Verbreitung durch den Menschen.

Ihre enge Bindung an menschliche Siedlungen ist deshalb kein Zufall: Gebäude bieten ähnliche Strukturen wie die Felswände ihrer Vorfahren. Die heutigen Stadttauben leben mitten unter uns – ihre Lebensbedingungen sind jedoch weitgehend vom Menschen geprägt.

GENETIK · HERKUNFT 2020

Stadttauben tragen die Spuren menschlicher Taubenzucht

Genetische Untersuchungen an neun italienischen Stadttaubenpopulationen zeigen eine komplexe genetische Struktur. Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass lokal gehaltene Haustaubenrassen den Genpool städtischer Populationen beeinflusst haben.

Zur Publikation
RECHT · STATUS 2023

Stadttauben sind rechtlich als verwilderte Haustauben zu qualifizieren

Die Stiftung für das Tier im Recht (TIR) analysierte den rechtlichen Status von Stadttauben in der Schweiz. Sie kommt zum Schluss, dass Stadttauben aufgrund ihrer genetischen Abstammung und ihres Domestikationsgrads rechtlich als verwilderte Haustauben zu qualifizieren sind.

Zur Analyse
BRIEFTAUBEN · FUNDVÖGEL · TIERWOHL 2016–2018

Hohe Ausfälle bei Trainings- und Wettflügen

Drei Berichte des Schweizer Tierschutz STS untersuchen Haltung, Transporte, Trainingsflüge und Wettkämpfe im Schweizer Brieftaubensport. Sie dokumentieren hohe Ausfall- und Verlustraten, regelmässige Aufnahmen erschöpfter oder verletzter Brieftauben durch Pflegestationen und einen möglichen Zuzug verirrter Tiere zu städtischen Taubenpopulationen.

Bericht 2016 Bericht 2017 Bericht 2018

Hunger löst das Stadttaubenproblem nicht

Weniger Nahrung bedeutet nicht automatisch weniger Brutaktivität. Stadttauben können auch bei unzureichender Ernährung weiter brüten. Die Folgen treffen insbesondere die Jungtiere.

Stadttauben wurden über Jahrtausende vom Menschen auf eine hohe Fortpflanzungsleistung gezüchtet. Anders als viele Wildvögel können sie unabhängig von einer natürlichen Brutsaison über weite Teile des Jahres brüten.

Nahrungsmangel senkt die Brutrate deshalb nicht zuverlässig. Die Tiere investieren weiterhin Energie in die Fortpflanzung, obwohl ihre körperliche Versorgung unzureichend ist. Unter solchen Bedingungen steigt das Risiko, dass Jungtiere nicht ausreichend versorgt werden und sterben.

Eine Strategie, die allein auf die Verknappung von Nahrung setzt, reguliert eine Stadttaubenpopulation daher nicht gezielt. Sie erhöht vor allem den Ernährungsdruck und verschlechtert den Gesundheitszustand der Tiere.

ERNÄHRUNG · POPULATION 2017

Weniger Nahrung senkt die Taubendichte – auf Kosten der Körperkondition

Eine Untersuchung in zwei Stadtbezirken Barcelonas zeigte: Nach einer deutlichen Reduktion der von Menschen bereitgestellten Nahrung sank die Taubendichte um rund 40 Prozent. Gleichzeitig verschlechterte sich die Körperkondition der untersuchten Tauben um 6 Prozent. Als mögliche Ursachen für den Bestandsrückgang diskutieren die Forschenden eine geringere Überlebens- und Fortpflanzungsrate sowie die Abwanderung eines Teils der Population.

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ERNÄHRUNG · FORTPFLANZUNG 2016

Nahrungsmangel beeinflusst Brut und Aufzuchterfolg

Eine über acht Jahre untersuchte Stadttaubenkolonie in Basel zeigte: Nach dem Wegfall einer bedeutenden Nahrungsquelle sank die Zahl der Bruten pro Paar. Der Schlupferfolg veränderte sich nicht signifikant, während der Ausfliegeerfolg der Nestlinge zurückging. Auf Kolonieebene sank die Zahl flügger Jungtiere insgesamt um 54,6 Prozent.

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Bestände gezielt regulieren

Betreute Taubenschläge schaffen kontrollierte Brutplätze und ermöglichen eine gezielte Bestandsregulierung durch den Austausch gelegter Eier. Entscheidend ist, dass die Tiere dauerhaft an die Schläge gebunden werden.

Stadttauben sind standorttreu. Finden sie einen geeigneten Brutplatz und werden dort zuverlässig versorgt, verbringen sie einen grossen Teil ihres Tages im oder am Taubenschlag.

Die Gelege können regelmässig kontrolliert und befruchtete Eier durch Attrappen ersetzt werden. Die Tauben brüten auf den Kunsteiern weiter, ohne dass Jungtiere schlüpfen. So wird die Fortpflanzung gezielt reguliert, ohne die Tiere zu töten oder über Nahrungsmangel unter Druck zu setzen.

Gleichzeitig konzentrieren sich Brutplätze und ein grosser Teil des Kots an einem kontrollierbaren Ort. Voraussetzung dafür sind geeignete Standorte, eine fachgerechte Betreuung und eine artgerechte Versorgung der Tiere.

FORTPFLANZUNG · EIERTAUSCH 2010

Warum Eier ausgetauscht und nicht einfach entfernt werden

Untersuchungen in städtischen Taubenhäusern zeigten, dass das blosse Entfernen von Eiern die Abstände zwischen den Legezyklen deutlich verkürzen kann. Die Tauben reagierten mit häufigeren Brutversuchen. Beim Eiertausch werden die gelegten Eier deshalb durch Attrappen ersetzt, auf denen die Tiere weiterbrüten können.

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Zusammenleben im urbanen Raum

Stadttauben leben seit Jahrhunderten in unmittelbarer Nähe des Menschen. Konflikte entstehen vor allem dort, wo grosse Populationen, ungeeignete Brutplätze und fehlendes Management aufeinandertreffen.

Viele Probleme, die Stadttauben zugeschrieben werden, sind eng mit den Bedingungen des städtischen Raums verbunden. Fehlende geeignete Brutplätze, unkontrollierte Nahrungsquellen und mangelnde Betreuung führen dazu, dass sich Tiere an Orten konzentrieren, an denen Konflikte mit Menschen entstehen.

Auch Taubenkot wird häufig pauschal als Gefahr für Gebäude dargestellt. Ein technischer Prüfbericht der Technischen Universität Darmstadt zeigt jedoch ein differenzierteres Bild: Die Wirkung hängt wesentlich vom jeweiligen Baustoff ab.

BAUSUBSTANZ · PRÜFBERICHT 2004

Taubenkot ist häufig eher ein ästhetisches als ein bautechnisches Problem

Ein Prüfbericht der Technischen Universität Darmstadt untersuchte den Einfluss von frischem Taubenkot auf verschiedene Baustoffoberflächen. Bei vielen geprüften Materialien wurden im Untersuchungszeitraum keine Schäden festgestellt. Veränderungen oder Schäden zeigten sich insbesondere bei Kupfer, Bronze und verzinktem Stahl in Form von Korrosion beziehungsweise Oberflächenveränderungen.

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Das Gesundheitsrisiko wird oft überschätzt

Stadttauben werden häufig pauschal als Gesundheitsgefahr dargestellt. Fachliche Risikobewertungen zeigen jedoch: Für die Allgemeinbevölkerung besteht in der Regel kein besonderes Risiko.

Wie andere Tiere können auch Tauben Krankheitserreger tragen. Entscheidend ist jedoch die tatsächliche Übertragungswahrscheinlichkeit auf den Menschen. Diese wird in der öffentlichen Debatte oft überschätzt.

Ein sachlicher Umgang mit Stadttauben unterscheidet zwischen theoretisch möglichen Erregern und einem realistischen Risiko für die Bevölkerung. Hygiene, fachgerechte Betreuung und saubere Standorte sind dabei wichtiger als pauschale Angstmache.

Betreute Taubenschläge können auch aus gesundheitlicher Sicht sinnvoll sein: Die Tiere werden besser versorgt, kranke Tiere können erkannt werden und Kot sammelt sich stärker an kontrollierbaren Orten.

GESUNDHEIT · RISIKOBEWERTUNG (DE) 2001

Eine konkrete Gesundheitsgefahr muss spezifisch begründet sein

Eine Stellungnahme des damaligen deutschen Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin hält fest, dass die theoretische Übertragbarkeit von Krankheitserregern allein keine Massnahmen gegen Stadttauben begründet. Erforderlich ist eine konkrete und spezifisch begründete Gefahrenlage. Ein erhöhtes Risiko kann beispielsweise dort bestehen, wo Tauben offene Lebensmittel kontaminieren oder sich grosse Kotansammlungen an Nistplätzen in unmittelbarer Nähe von Menschen bilden.

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Stadttauben sind lernfähig und sozial

Tauben werden oft unterschätzt. Sie verfügen über ein gutes räumliches Gedächtnis, lernen aus Erfahrung und zeigen komplexes Sozialverhalten.

Tauben orientieren sich zuverlässig in ihrer Umgebung und können Orte, Wege und wiederkehrende Situationen wiedererkennen. Diese Fähigkeiten sind ein Grund dafür, weshalb sie über Jahrhunderte als Brieftauben genutzt wurden.

Auch im städtischen Raum zeigen Stadttauben Anpassungsfähigkeit. Sie lernen, wo Nahrung, Wasser, Brutplätze oder Gefahren zu finden sind, und reagieren auf wiederkehrende menschliche Verhaltensmuster.

Ein wirksames Stadttaubenmanagement berücksichtigt dieses Verhalten: Tauben müssen nicht vertrieben, sondern an geeignete, betreute Orte gelenkt werden.

KOGNITION · LERNVERHALTEN 2011

Stadttauben unterscheiden Menschen anhand ihrer Erfahrungen

Frei lebende Stadttauben in einem Stadtpark lernten, zwischen einer freundlichen und einer feindseligen Person zu unterscheiden. Sie mieden die Person, von der sie zuvor wiederholt vertrieben worden waren – auch dann, wenn diese sich später neutral verhielt.

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Stadttaubenmanagement in der Praxis

Zahlreiche Städte setzen auf betreute Taubenschläge, kontrollierte Fütterung und gezielte Bestandsregulierung durch Eiertausch. Die konkrete Umsetzung unterscheidet sich von Stadt zu Stadt.

Ein nachhaltiges Stadttaubenmanagement besteht nicht aus einer einzelnen Massnahme. Entscheidend ist das Zusammenspiel von geeigneten Standorten, fachgerecht betreuten Taubenschlägen, einer kontrollierten Versorgung und regelmässigem Eiertausch.

Erfahrungen aus verschiedenen Städten zeigen zugleich, dass Konzepte an die örtlichen Gegebenheiten angepasst werden müssen. Grösse und Verteilung der Taubenpopulation, bestehende Brutplätze und bekannte Hotspots spielen bei der Planung eine zentrale Rolle.

Praxisbeispiele können deshalb keine universelle Vorlage liefern. Sie zeigen jedoch, welche Instrumente eingesetzt werden und welche Erfahrungen Städte mit unterschiedlichen Managementansätzen gemacht haben.

DEUTSCHLAND AUGSBURG

Ein stadtweites Netz betreuter Taubenschläge

Augsburg setzt auf betreute Taubenschläge und Taubentürme mit artgerechter Futterversorgung und systematischem Eiertausch. Nach Angaben der Stadt werden rund fünf Tonnen Taubenkot pro Jahr in den betreuten Anlagen gebunden und fachgerecht entsorgt.

Vorschau des Videos zum Stadttaubenmanagement Zum Stadttaubenkonzept
SCHWEIZ BASEL

Basel stimmt für ein neues Stadttaubenmanagement

Nach dem Ende des früheren Basler Taubenkonzepts wurden 2020 alle Taubenschläge geschlossen. In den folgenden Jahren bestand kein intensives Taubenmanagement.

Am 14. Juni 2026 nahm die Basler Stimmbevölkerung mit 67,76 Prozent den Gegenvorschlag für ein neues Stadttaubenmanagement an. Vorgesehen ist ein vierjähriges Pilotprojekt mit fünf betreuten Taubenschlägen, regelmässiger Fütterung und Eiertausch.

Basel beginnt damit erneut, Stadttauben gezielt über betreute Strukturen und Bestandsregulierung zu managen.

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SCHWEIZ BERN

Von über 10'000 auf rund 1'500 Stadttauben

Bern setzt auf ein umfassendes Taubenmanagement mit acht betreuten Taubenschlägen, kontrollierter Fütterung, Eierkontrollen und jährlichen Bestandszählungen. Nach Angaben des Tierparks Bern sank die Taubenpopulation von über 10'000 Tieren in den 1980er- und 1990er-Jahren auf heute rund 1'500 Stadttauben.

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DEUTSCHLAND AACHEN

Seit 1995 betreute Taubenschläge

Aachen setzt seit 1995 auf ein Stadttaubenmanagement mit betreuten Taubenschlägen. Für das etablierte Aachener Taubenprojekt sind neun Schläge dokumentiert, in denen rund 1’200 bis 1’500 Stadttauben erfasst werden. 2025 kamen an der Uniklinik RWTH Aachen zwei weitere Taubenhäuser mit Platz für bis zu 240 Tauben hinzu.

Im Aachener Taubenprojekt werden jährlich rund 6’000 Eier ausgetauscht. Ein grosser Teil des Taubenkots kann direkt in den betreuten Schlägen entfernt werden. Nach Angaben aus dem Aachener Projekt sind Beschwerden über massive Taubenansammlungen und damit verbundene Verschmutzungen im Laufe der Jahre stark zurückgegangen.

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Wofür wir stehen

Wir setzen uns für ein messbares und tiergerechtes Gesamtkonzept ein.

  • ausreichend dimensionierte, betreute Taubenschläge an den tatsächlichen Hotspots;
  • kontrollierte Versorgung mit geeignetem Futter und sauberem Wasser in den Schlägen;
  • systematischen, fachlich begleiteten und dokumentierten Eiaustausch;
  • tierschutzgerechtes Brutplatzmanagement;
  • transparente Bestandszählungen, Kosten und Tierwohlkennzahlen;
  • eine unabhängige Evaluation der Wirkung.

Die einzelnen Bestandteile und Anforderungen eines solchen Gesamtkonzepts haben wir in unserer ausführlichen Praxisanleitung zusammengestellt.

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Unser Anliegen ist einfach: Die Luzerner Taubenpolitik soll sich an nachvollziehbaren Daten messen lassen und Sauberkeit, Wirksamkeit und Tierwohl gemeinsam berücksichtigen.